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5.8.2026 Stimmen Porträt Landnutzung

Die Landschaftsmacher: Im Gespräch mit Rainer Carls

„Reetdächer gehören einfach zur Landschaft“ 

Schilf schneiden, Reetdächer decken, die Qualität der Rohrflächen im Blick behalten – für Rainer Carls gehört all das seit Jahrzehnten zusammen. Der Reetdachdecker in dritter Generation kennt die Schilfflächen in Vorpommern wie kaum ein anderer. Im Gespräch erzählt er, warum die Rohrmahd heute wirtschaftlich kaum noch eine Rolle spielt, weshalb gutes Dachdeckerrohr selten geworden ist und warum er trotzdem an der Tradition festhält. 

Welche Bedeutung hat die Rohrmahd für dich? 

Die Bedeutung liegt heute vor allem in der Fortführung der Tradition. Mein Großvater war schon in den Dreißigerjahren Dachdecker, und für die ortsansässigen Rohrdachdecker war das Schilfschneiden früher ganz selbstverständlich die Winterarbeit.  

Wirtschaftlich ist das heute völliger Unsinn. Das Rohr wird zwar von einem Kollegen mit der Maschine geschnitten, aber danach fängt die eigentliche Arbeit erst an: Die Bündel müssen per Hand gesäubert, sortiert und gebunden werden. Das geht nicht maschinell, jedenfalls nicht so, wie wir das hier vor Ort brauchen. Und wenn man dann die Lohnkosten in Deutschland einrechnet, lohnt sich das nicht. Ich mache das im Prinzip nur noch aus Tradition – und vielleicht auch aus Leidenschaft und ein bisschen Romantik. 

Gibt es denn genug Aufträge?  

Die benötigten Mengen an Schilf sind zu gering. Für einen kleinen Bauherrn hier aus der Region kann ich vielleicht noch ein Dach mit dem selbst geschnittenen Boddenrohr eindecken. Aber das war’s dann auch schon. Für mehr reicht es nicht. 

Es liegt nicht daran, dass es kein Schilf mehr gäbe, im Gegenteil. Am Greifswalder Bodden, am Saaler Bodden, im Peenetal, auf Rügen, es wachsen ja Unmengen an Schilf. Aber nur ein kleiner Teil davon eignet sich wirklich zum Dachdecken. Das Rohr muss gerade wachsen, hart und gesund sein. Es braucht den richtigen Wasserstand, nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser. Und genau diese Flächen sind selten geworden. 

Du beobachtest die Schilfflächen seit vielen Jahrzehnten. Was hat sich verändert? 

Ende der 1980er Jahre haben wir schon gemerkt, dass die Qualität an manchen Stellen zurückgeht. Früher gab es zum Beispiel auf den Flächen bei Greifswald, auf den Ryckwiesen, noch erstklassiges Dachdeckerrohr. Das ist heute nicht mehr so. Ein Grund dafür sind die schwankenden Wasserstände. In DDR-Zeiten wurden viele Wiesen melioriert, also entwässert, damit sie Landwirtschaftlich besser genutzt werden konnten. Später sind diese Systeme teilweise versandet, der Wasserstand hat sich wieder verändert, und das hat Auswirkungen auf die Rohrflächen. Hinzu kommt die natürliche Dynamik an der Küste: Sedimente werden abgetragen oder angespült, Uferlinien verändern sich, Wasser kommt mal stärker in eine Fläche hinein und mal weniger. Dass sich die Küstenlinie verändert und immer irgendwie in Bewegung ist, ist ein ganz natürlicher Vorgang. Für das Schilf macht das aber einen großen Unterschied.  

Und dann spielt auch die intensive Düngung in der Landwirtschaft eine Rolle. Wenn zu viele Nährstoffe ins Wasser gelangen, wächst das Schilf zwar schnell in die Höhe, aber der Halm wird weicher, instabiler und krumm – und dann ist er für das Dachdecken und für die Ernte nicht mehr geeignet. 

Wie hat sich die Ernte im Laufe der Zeit verändert? 

Früher, so in den 1980er Jahren, haben wir mit der Hand geschnitten, mit Sichel oder mit verkürzter Sense. Das war traditionelle Handarbeit. Später kamen dann Balkenmäher, und irgendwann Raupenfahrzeuge, die das Schilf schneiden und gleich bündeln konnten. 

Heute gibt es richtige Hightech-Maschinen, die meistens aus Holland kommen. Die haben über 3 Meter Schnittbreite, machen gleich Bündel oder Rollen, und mit denen schafft man an einem Tag ein Vielfaches von dem, was früher möglich war. Aber diese Maschinen kosten mehrere hunderttausend Euro. Deswegen lohnt sich das für mich überhaupt nicht. Das können sich nur Kollegen leisten, die wirklich hauptamtlich oder hauptberuflich Rohrernte betreiben. 

 

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Wenn das Schilf hier vor Ort nicht reicht, woher kommt dann das Material für die Reetdächer? 

Wir müssen Material zukaufen, wir sind auf Importe angewiesen. Ein Teil kommt von Kollegen aus der Region, aber wir arbeiten auch mit Importware, etwa aus Südeuropa oder China.  

Wichtig ist, dass man sich das Rohr genau anschaut. Man kann nicht einfach irgendein Schilf auf jedes Dach bringen. Je nach Dachform und Dachgröße braucht man unterschiedliche Längen und Stärken. Es gibt nach wie vor qualitativ sehr große Unterschiede. Für ein kleines vorpommersches Haus braucht man anderes Material als für ein großes Dach mit mehreren hundert Quadratmetern. Die Kunst ist, das passende Rohr an die richtige Stelle im Dach einzubauen. 

Welche Rolle spielen Politik und Bürokratie bei der Rohrmahd? 

Viele Flächen liegen in Schutzgebieten und dafür braucht man Ausnahmegenehmigungen. Ich habe meine kleinen Pachtflächen am Greifswalder Bodden, die Genehmigungen bekomme ich ohne Probleme. Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft dürfen wir aber beispielsweise nicht schneiden. 

Aber bei der Rohrmahdrichtlinie hat sich schon etwas verbessert. Früher war das alles viel umfangreicher, jetzt ist es einfacher, entbürokratisiert. Und wir dürfen inzwischen auch länger mähen: früher war am 28. Februar Schluss, jetzt am 20. März. 

Wie siehst du die Zukunft des Handwerks und der Schilfnutzung in Vorpommern? 

Reetdächer wird es immer geben, da bin ich mir sicher. Gerade in Vorpommern und auf den Inseln gehören sie einfach zur Landschaft. Die größere Frage ist eher: Wer macht diese Arbeit in Zukunft noch? 

Der Fachkräftemangel ist tatsächlich da. Es wird immer schwerer, Dachdecker, Klempner oder andere Handwerker zu finden. Das einheimische Schilfrohr und diese Tradition zu erhalten, wird in den nächsten Jahren nicht leichter. 

Für meinen Betrieb ist die Nachfolge zum Glück geregelt. Mein Sohn Marcus hat die Firma übernommen und macht weiter. Aber insgesamt sehe ich schon, dass es schwieriger wird, die Tradition beizubehalten, es kommen einfach nicht genug Leute nach. 

 

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Was bedeutet dir diese Arbeit persönlich?  

Es ist einfach ein Stück Heimat und Berufsgeschichte. Ich bin damit groß geworden, und ich kenne die Flächen hier seit Jahrzehnten. Auch wenn sich die Rohrmahd heute wirtschaftlich kaum noch rechnet, gehört sie für mich immer noch dazu. Es ist eben nicht nur Material für ein Dach. Es ist ein Handwerk, das eng mit der Landschaft verbunden ist. 

Angebote und Kontakt der Rohrdachdeckerei Carls: https://www.reetdach-carls.de/