©Michael Succow Stiftung

24.7.2026 Stimmen Porträt Landnutzung

Die Landschaftsmacher: Im Gespräch mit Markus Ingold

„Wir wollen zeigen, dass Landwirtschaft und Naturschutz keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig stärken können.“ 

Streuobstwiesen, Naturschutzhecken, Agroforst und regionale Lebensmittel: Markus Ingold verbindet seit vielen Jahren Landwirtschaft und Naturschutz ganz praktisch. Gemeinsam mit seiner Frau Caroline Remy gestaltet er im Lassaner Winkel Lebensräume für Menschen, Tiere und Pflanzen. Im Gespräch erzählt er, warum ihn die Vielfalt Vorpommerns begeistert, welche Herausforderungen er für die Region sieht und weshalb die Zukunft nur gemeinsam gestaltet werden kann. 

Markus, wer bist du und was machst du? 

Ich bin Markus Ingold, gebürtiger Schweizer, Vater von drei Kindern und lebe seit 2004 mit meiner Frau Caroline Remy im Lassaner Winkel. Seit meiner Jugend fasziniert mich alles, was wächst und lebendig ist. 

Gemeinsam betreiben wir seit 20 Jahren eine Lohnmosterei in Libnow. Dort pressen wir Äpfel, Birnen und Quitten zu Saft und stellen aus eigenem Obst sortenreine und gemischte Säfte her. 

Außerdem bewirtschaften wir Streuobstwiesen mit alten und regionaltypischen Obstsorten. Seit rund 25 Jahren beschäftige ich mich mit Obstgehölzpflege und dem wertvollen Lebensraum Streuobstwiese. Ich lege Obstwiesen an, schneide und veredele Bäume und gebe Kurse in der Region. 

Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf Artenvielfalt und Naturschutz. Auf unseren Flächen haben wir über drei Kilometer Naturschutzhecken gepflanzt, pflegen Magerwiesen und engagieren uns für die Wiedervernässung von Moorflächen. Gemeinsam mit meiner Frau beraten und begleiten wir außerdem die Planung und Pflanzung von Naturschutzhecken in der Region. 

Darüber hinaus bin ich Mitbegründer der 133 Hektar GmbH & Co. KG. Dort verbinden wir ökologische Landwirtschaft mit regionaler Wertschöpfung. 

 

Gemeinsam mit der Succow Stiftung entwickelt ihr bei Wangelkow neue Ansätze für die Landnutzung. Was passiert dort konkret? 

Gemeinsam haben wir für 84 Hektar Ackerland bei Wangelkow ein Konzept für eine nachhaltige und Vielfalt fördernde Landnutzung entwickelt. Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass Landwirtschaft und Naturschutz kein Widerspruch sind. 

Im Rahmen des Verbundprojekts „Lebenslandschaft-Vorpommern“ können Maßnahmen wie die Wiedervernässung einer Niedermoorfläche, die Renaturierung zweier Kleingewässer und die Entwicklung von über 1.000 Metern Naturschutzhecken ermöglicht werden. 

Gleichzeitig werden auf den Flächen Getreide sowie Leguminosen wie Lupinen und Linsen angebaut, die möglichst regional vermarktet werden sollen. Für mich zeigt das Projekt, dass Naturschutz und landwirtschaftliche Nutzung gemeinsam gedacht werden können. 

 

Was bedeutet die Region Vorpommern für dich? 

Vorpommern hat mir vom ersten Tag an ein Gefühl von Freiheit gegeben. Im Vergleich zur Schweiz ist die Region sehr dünn besiedelt, und diese Weite und die Vielfalt der Natur faszinieren mich bis heute. Viele Flächen werden nicht intensiv genutzt und bieten wertvolle Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen. Allein die Artenvielfalt im Peenetal oder die Fülle an Insekten, die wir hier erleben, begeistert mich immer wieder. Ich bin oft mit meiner Familie auf der Peene unterwegs. Im Kanadier auf dem Wasser finde ich am besten Abstand vom Alltag und kann die Landschaft ganz bewusst erleben. 

Gleichzeitig habe ich hier viele herzliche Menschen kennengelernt. Freundschaften entstehen vielleicht nicht immer sofort, aber wenn Vertrauen wächst, entstehen oft sehr enge Verbindungen. 

 

Was beschäftigt dich derzeit besonders? 

Mich beschäftigt die oft sehr negative Sicht auf die Zukunft. Gerade in ländlichen Regionen wird der Strukturwandel spürbar. Kleine Betriebe schließen, Gastronomie und Handwerk finden kaum noch Personal und vielerorts verschwinden wichtige Angebote. 

Ich wünsche mir, dass es gelingt, attraktive Arbeitsplätze und eine lebendige Infrastruktur auf dem Land zu erhalten. Unsere Dörfer sollten Orte sein, an denen Menschen nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten, sich begegnen und ihre Zukunft gestalten können. 

 

Welche Lösungsansätze siehst du? 

Die Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht allein lösen. 

Im Lassaner Winkel gibt es seit Jahren Initiativen, die sich mit regionaler Entwicklung beschäftigen. Ein Beispiel ist das Winkelwochenende, bei dem Menschen ihre Ideen, Projekte und Herausforderungen einbringen und gemeinsam nach Lösungen suchen. 

Solche Formate sind wichtig, weil sie Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Zukunft entsteht dort, wo viele Perspektiven zusammenkommen und Verantwortung gemeinsam getragen wird. 

 

Welchen Beitrag leistest du zur Lebenslandschaft Vorpommern? 

Ich versuche mit meiner Arbeit mehrere Herausforderungen gleichzeitig anzugehen. In unserem eigenen Betrieb stehen Naturschutz und Artenvielfalt im Mittelpunkt. Der eigentliche Ertrag liegt für mich oft nicht nur in Produkten, sondern auch im Erhalt wertvoller Lebensräume wie Streuobstwiesen, Magerwiesen oder Moorflächen. 

Mit der 133 Hektar GmbH & Co. KG verfolgen wir zusätzlich das Ziel, regional erzeugte Lebensmittel wirtschaftlich und zugleich ressourcenschonend zu produzieren. Wir wollen zeigen, dass Landwirtschaft und Naturschutz keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig stärken können. 

 

Was wünschst du dir für die Region? 

Ich wünsche mir junge Menschen, die Lust haben, unternehmerisch aktiv zu werden und regionale Netzwerke mitzugestalten. Eine lebendige Region braucht Regionalläden, Handwerksbetriebe, Gastronomie und Orte der Begegnung. 

Im Lassaner Winkel erlebe ich seit vielen Jahren eine starke Kultur der Zusammenarbeit. Gleichzeitig ziehen immer wieder neue Menschen hierher, die frische Ideen und Engagement mitbringen. 

Wenn es gelingt, dieses regionale Bewusstsein weiterzuentwickeln und Menschen miteinander zu vernetzen, blicke ich optimistisch in die Zukunft. 

Lieber Markus, vielen Dank für das Gespräch! 

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